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Plötzlich spricht niemand mehr. Niemand in der ganzen Schule. Der Geschwister-Scholl-Tag 2019.

Plötzlich spricht niemand mehr. Niemand in der ganzen Schule. Niemand außer den Schülerinnen und Schülern, die im Sekretariat vor dem Mikrofon sitzen und in die Rollen ihrer todgeweihten Vorbilder geschlüpft sind. Die letzten fünf Tage von Hans und Sophie Scholl brannten sich vor einiger Zeit in Herz und Hirn der Menschen am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Durch eine Fortsetzungsgeschichte, die jeweils ein paar Minuten gegen 9.30 Uhr den normalen Unterricht unterbrach. Berührend, betroffen machend, nachhaltig.

 

Die von Frau Ruch – Leiterin der Geschwister-Scholl-AG – verfassten Texte ließen die Ereignisse und Gedanken jener Februar-Tage aus dem Jahr 1943 in den Köpfen der Zuhörer lebendig werden: Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer auch zufällige Besucherinnen und Besucher halten einige Momente inne, schauen sich jetzt lieber nicht in die Augen. Das Hineinfühlen ist kaum auszuhalten. Zu denken, dass Widerspruch gegen den nationalsozialistischen Wahn, gegen Krieg und systematischen Massenmord nicht nur nicht erlaubt sondern mit dem Tod, dem eigenen Tod bestraft wird . . . Geschichte, wie sie wehtut. Wer das einmal nachgefühlt hat, könnte der jemals wieder von einem „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ reden?

Gedanken, die sich vielen Zuhörern am GSG aufdrängten. Besonders am letzten Tag der kleinen Geschichte. Dem Tag, an dem Hans und Sophie Scholl vor 76 Jahren nach dem Urteil des damals höchsten deutschen Gerichts ermordet wurden.


Sascha hat einmal zu denen gehört, die all die Barbarei für das politische Paradies hielten. „Ich war ein Nazi mit Haut und Haaren“, erzählte der inzwischen zur Besinnung gekommene Aussteiger beim jährlichen Geschwister-Scholl-Tag, den das GSG besonders für seine Jahrgangsstufe 11 organisiert. Sascha berichtete im Forum der Stadthalle, auf wie banale Weise er einst in die radikale rechte Szene abgerutscht war, schilderte, wie so etwas funktioniert, tatsächlich immer noch funktioniert. Auf ähnliche Weise übrigens, wie es jungen Menschen geschieht, die sich in der salafistischen Szene radikalisieren. Im Forum der Stadthalle berichtete auch Malik, Aussteiger aus einer islamistischen Terrororganisation, wie er sich radikalisiert hatte. Endlich Aufmerksamkeit gewinnen, „das gibt einem ein schönes Gefühl – man wird anerkannt“, schilderte Malik – und: „Da ist so vieles identisch“, bestätigte Sascha.

Beiden liegt daran, andere, junge Menschen vor ähnlichen Erfahrungen zu bewahren. Das gelang am GSG. Betroffene Stille und viele kluge Nachfragen bewiesen den beiden Aussteigern und ihrem Betreuer vom NRW-Verfassungsschutz: Hier in Unna haben sie nicht nur ihre Zuhörer weiter gegen Extremismus immunisiert – sondern sogar viele darin bestärkt, sich noch bewusster für Freiheit und Rechtstaatlichkeit einzusetzen. „Mehr können wir kaum wollen“, sagte Frau Ruch.